06/05 - 09/05

Über Flüsse und Kanäle ans Mittelmeer

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Es ist Anfang August, der Urlaub ist längst vorbei, und unsere gelbe Dicke schwimmt noch immer auf der Saône, etwa 120 km vor Lyon. Wir haben 960 km auf dem Weg von Germersheim Richtung Mittelmeer geschafft, insgesamt sind es an die 1300 km. Interessanter ist jedoch die Tatsache, dass wir 154mal geschleust sind; es fehlen noch 7 Schleusen, bis wir die französischen Binnengewässer verlassen können. Zeitraubend ist vor allem die Wartezeit an den Schleusen, nicht die Fahrtzeit an sich. Allein auf dem Canal de l'Est (oder Canal des Vosges) muss man 92mal in die Kammer, deren Tore recht oft noch durch klassisches Kurbeln, ganz ohne Automatik, zu bedienen sind. Das bedarf natürlich einiges an Zeit.

Auf dem Rhein 250605.jpg

Rhein bei Mannheim 4 250605.JPG

Romantic Rhine Valley 1 260605.JPG

Deutsches Eck 260605.JPG

Unterwegs auf dem Rhein

Durchfahrt Mannheim

Romantisches Rheintal

Endlich Deutsches Eck

Die Fahrt auf dem Rhein empfanden wir alle als die anstrengendste, da sich Crew und Schiff erst noch aneinander gewöhnen mussten. Uns saß die ständige Angst vor einem Maschinenausfall im Nacken, denn der Rhein fließt sehr schnell und das Verkehrsaufkommen von Berufsschiffen ist sehr groß. Doch alles lief beinahe ohne Zwischenfall, und mit Erleichterung konnten wir nach zwei Tagen links abbiegen, um das Deutsche Eck herum und gleich in die erste Mosel-Schleuse. Unsere Marie hätte keinen Zentimeter mehr um die Hüften haben dürfen, ansonsten hätten wir mit der Berufsschifffahrt schleusen müssen, da die Bootsschleusen nur 3,40m breit sind. Unser Schiff misst 3,10m in der Breite, plus Fender - jedes Mal Millimeterarbeit. Uns gefiel die Mosel viel besser als der Rhein, da ihre Flussufer lieblicher und beschaulicher wirken. Wir hätten uns aber mit einem oder mit zwei Tagen begnügt, danach wird's schnell langweilig, wenn man vorankommen muss. Das weinträchtige Flüsschen windet sich mit endlosen Flusskilometern auf geringer Strecke durch das Land, und so konnten wir erst nach sieben Tagen Nancy achteraus lassen.

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Beeindruckende Moselschleusen 270605.JPG

Hoellenschlund 270605.JPG

Marie in der Schleuse 280605.JPG

Abendstimmung auf der Mosel

Moselschleuse

Wildwasserfahren in der Schleuse

Marie in der Schleuse

Einige Kilometer südlich von Nancy beginnt der Canal de l'Est. An der Ecluse Nr. 46, der allerersten Schleuse im Kanal, wunderschön im Grünen gelegen, mussten wir vier Tage aufgrund einer Motorpanne bleiben. Das Übel lag letztendlich im Detail: Nach dem Anziehen der Zylinderkopfschrauben wollte der Motor nicht mehr richtig laufen. Er ließ sich zwar noch starten, doch das ersehnte Zweizylinder-Genagel erstarb jedes Mal nach wenigen Sekunden. Außer Thorsten wunderten sich mehrere fachkundige Menschen über das Problem, wirklich helfen konnte nach vier Tagen Bastelei aber nur ein Volvo-Mechaniker, der sonst als mobiler Reparaturdienst für LKWs unterwegs ist. Sollten wir lachen oder weinen? Dem Motor fehlte wirklich nichts weiter als die vollständige Schließung des Dekompressionshebels, nachdem das Ventilspiel eingestellt worden war. Dieser Hebel ließ sich zugegebenermaßen so schwer bewegen, dass er das Gefühl einer vollständigen Schließung schon vermittelte, als noch ein millimeterweiter Spalt offen stand. Deshalb konnte der Motor den Diesel nicht richtig komprimieren. Wir lachten. Das war sowieso eine unserer wichtigsten Übungen während dieser Zeit. Wir lernten unsere Lektionen gründlich, beispielsweise jene über die Redundanz langfristigen Planens, aber auch Lektionen zum Thema Motorenkunde, Konfliktmanagement und Kinderheilkunde. Unser Söhnchen dekomprimierte nämlich seinen Magen- und Darminhalt während dieser Tage, selbstverständlich in Verbindung mit Fieber, so dass auch aus diesem Grund eine Weiterfahrt unmöglich gewesen wäre.

Viele Franzosen, die von unserer misslichen Lage hörten, unterstützten uns ganz selbstlos und unkompliziert. Zum Beispiel stellten uns die Schleusenwärter die Dusche in ihrem Arbeitshäuschen zur Verfügung, damit wir Kinderkleider, Bettwäsche, Handtücher und Decken waschen konnten, die wegen Moritz' Krankheit einen erbärmlichen Gestank ausdünsteten. Sie versorgten uns mit Telefonnummern ortsansässiger Mechaniker und boten uns Medikamente an, die wir jedoch gottseidank nicht in Anspruch nehmen mussten.

Christiane und Moritz 030705.JPG

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Christiane und kranker Moritz

Liegeplatz für vier Tage

Zum x-ten Mal Ventile einstellen

Wenn wir gefragt werden, ob unser Moses das Bootfahren gut vertragen hat, dann geben wir nach bestem Wissen und Gewissen eine positive Antwort. Man könnte glauben, ein Segelboot sei kein Kleinkindparadies, aber Moritz entdeckte jeden Tag etwas neues. Zum Beispiel lernte er ganz schnell Klettern, als er unbedingt aus dem Salon ins Cockpit wollte; er fand tausend Winkel im Schiffsinnern, um kleine Spielzeugteile zu versenken, er lernte, wie man sich bewegen muss, um sich nicht ständig den Kopf am Salontisch anzustoßen, und nach den unfreiwilligen Liegetagen schaute er oft neugierig im Motorraum nach, ob da sein Papa zu finden wäre. An jeder Schleuse sammelten wir ihm kleine Steinchen ein, die er mit dem größten Interesse einzeln auf die Reise in den Kanalschlick schickte. Dort verschwanden allerdings auch zwei Schnuller und zwei Spielzeugautos, was er jedoch mit Gelassenheit zur Kenntnis nahm. Von der Schleuserei abgesehen, hatten wir viel Zeit für unser Kind, und es dankte uns mit guter Laune und Ausgeglichenheit. Wir glauben, dass Moritz' motorische Entwicklung in dieser Zeit einen beachtlichen Schub gemacht hat.

Die tolle Rettungsweste 090705.JPG

Moritz im neuen Zuhause 1 180605.JPG

Moritz schleust uns 280605.JPG

Rundgang an Deck 3 260605.JPG

Die ungeliebte Rettungsweste

Moritz entdeckt sein neues Zuhause

Unterstützung beim Schleusen

Unterwegs an Deck

Moritz hockt auf der Winsch 050705.JPG

Moritz navigiert 010705.JPG

Moritz pennt auf dem Salonboden 250605.JPG

Moritz pennt im Cockpit 1 250605.JPG

Winsch mit Aussicht

Navigation leicht gemacht

Pennen auf dem Salonboden

...und im Cockpit

In unseren zwei Urlaubswochen schafften wir es bis Corre, einem kleinen Örtchen am Ausgang des Vogesenkanals, Zentrum der "Resistance" im Zweiten Weltkrieg. Dessen neugebaute Marina beherbergte die Marie Brizard völlig unproblematisch.

In den beiden darauffolgenden Wochenenden brachten wir unser Schiff noch einmal auf die Strecke, einmal bis Gray, dann etwa bis Chalon sur Saône. Dort liegt es im Moment hoffentlich sicher, hoffentlich nicht auf Grund. Ende August haben wir noch einmal zwei Wochen Urlaub, um die Reise ans Meer fortzusetzen, und wir rechnen auch ein bisschen damit, noch ein paar SEE-Meilen zu machen auf dem Weg Richtung Spanien. Aber wir planen vorerst nicht zu fest..

Abschied vom canal de l'est 090705.JPG

Canal de jonction 3 010705.JPG

Knorriger Baum 170705.JPG

Saone im Nebel 230705.JPG

Ende des canal de l'est

Kanallandschaften

Auf der Saone

Morgennebel auf der Saone

Ein paar Wochen später fanden wir unsere kleine Dicke wohlbehalten wieder. Das war wirklich ein nettes Plätzchen: Die stillgelegte Schleuse von Gigny, nahe Chalon sur Saône. Der deutsche Besitzer oder Pächter dieses winzigen "Hafenbeckens" machte seinen Job ganz hervorragend. Zu unserer Beruhigung hatte er uns versprochen, ab und zu ein Auge auf unser Schiff zu werfen und uns telefonisch zu verständigen, falls etwas nicht in Ordnung sein sollte, beispielsweise wenn ein stundenlanger Wasseraustritt aus einem Loch im Heck zu beobachten sein würde (dann wäre die automatische Bilgepumpe angesprungen, um das Schiffsinnere trocken zu halten) oder wenn sich die herumstromernde Dorfjugend an unserem Inventar vergriffen hätte. Nichts dergleichen war jedoch passiert und wir enterten nach vier Wochen Abwesenheit unsere völlig unversehrte Marie.
Mittlerweile wieder ein bisschen schlauer, nahmen wir uns den ersten Tag nur zum Ankommen und Reparieren frei. Am Nachmittag funktionierte die Klopumpe wieder, was uns sehr erleichterte, denn das Klo ist sicher eine der wichtigsten Einrichtungen an Bord. Übergangsweise kann man sein Geschäft auch in die Pütz, d.h. in einen Eimer erledigen, aber die muss man ja immer außenbords ausspülen, auch wenn was Dickes drin ist. Die Privatsphäre müsste dann zwangsläufig leiden.
Die Wasserversorgung der Spüle wurde am gleichen Vormittag auf Fußbetrieb umgestellt, das Luk in einer der Kabinen abgedichtet, die Klamotten verstaut und noch einige Dinge getan, die eben so anfallen, wenn man auf einem Schiff lebt.

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Rhone 250805.JPG

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Lyon

Irgendwo auf der Rhone

Tournon

Die folgenden Tage auf dem Weg Richtung Süden waren unspektakulär - Bordalltag, aber entspannter als bisher: wir gönnten uns gelegentliches Ausschlafen, soweit man eine Schlafdauer bis halb acht Uhr morgens als Ausschlafen bezeichnen kann. Nun ja, wir sind Eltern eines aufgeweckten Kleinkindes und grämen uns nicht weiter. Das Wetter blieb oft trüb und regnerisch, untypisch für diese Breiten im August. Wir froren oft und tranken statt eisgekühlten Rosés ayurvedische Kräutertees. Uns gefiel Lyon, wasserseitig, sehr gut. Unsere schönste Erinnerung jedoch ist die dort beginnende Bekanntschaft mit Elin, Sven und Oskar aus Schweden. Kaum hatten wir nämlich unser eigenes Schiff an der Pier festgemacht, führte uns unser untrüglicher Elterninstinkt an ein kleines Schiffchen, neben dem ein Kinderwagen auf der Kaimauer stand. Das sieht man nicht so oft in der Seglergemeinde. Auf der sieben Meter langen Mar wohnten die drei Schweden seit mehr als zwei Monaten und waren in dieser Zeit immerhin von Göteborg bis ins tiefste Frankreich gekommen. Wir hatten abends ausgiebig Gelegenheit, uns mit Sven zu unterhalten; am nächsten Tag auch mit seiner Frau Elin, und Moritz hatte mit Oskar selbstverständlich auch ein paar wichtige Themen zu besprechen, siehe Bild. Da wir die gleiche Strecke zurücklegen wollten, trafen wir uns drei Abende lang zum Anlegen, zuletzt in Avignon, wo die Schweden noch ein paar Tage länger bleiben wollten. Und obwohl wir uns nur drei Tage lang kannten, waren wir alle recht traurig über unseren Abschied. Diese Bekanntschaft hatte uns die ständige Isolation, die uns auf dem Schiff umgibt, ein wenig versüßt.

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Moritz und Oskar 250805.JPG

Avignon

Sur le pont...

Moritz mit Oskar

 Die Schleusen der Rhone beeindruckten uns zunehmend, denn wir waren noch einen durchschnittlichen Hub von 6 Metern auf der Saône gewohnt. Die größte aller Rhone-Schleusen, die Ecluse de Bollene, wartete mit einem Hub von 23 Metern auf. Geradezu gigantisch erschienen uns die Ausmaße der Schleusenwände, höher als ein mehrstöckiges Mietshaus. Und unser winziges Schiffchen lag ganz allein in der über zweihundert Meter langen Schleusenkammer. Schade, schon nach zehn Minuten war das imposante Schauspiel vorbei, die Kammer geleert und das gigantische untere Schleusentor geöffnet. Unsere allerletzte Schleuse auf dem Weg zum Meer, für uns Schleuse Nummer 171, hatte nur noch lächerliche zwanzig Zentimer Hub.
Nach Avigon nahmen wir nicht den direkten Weg Richtung Süden, sondern bogen zunächst rechts in die Petit Rhone ab, um in den Canal du Rhone a Sete zu kommen. Das erste Mal offenen Horizont nach etwa vier Wochen Fahrt auf Binnengewässern sahen wir am 27. August um 15.05 Uhr MESZ nahe Frontignan. Ein aufregender Moment für uns!
Die Bilanz: 200 Motorstunden (das entspricht in etwa der Stundenanzahl, die der Motor in den 30 Jahren zuvor geleistet hatte), 1470 Kilometer durch Binnenwasserstraßen und 171 Schleusen.

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Monsterschleuse 1

Monsterschleuse 2

boring boring boring -
Canal du Rhone à Sète

 

Die nächsten zwei Tage vergingen im Hafen von Frontignan mit dem Stellen des Mastes und der seefesten Ausrüstung unserer Marie. Wir hatten gottseidank eine Vorrichtung an Bord, mit der man den Mast auch ohne Kran stellen kann, und so bastelten und schraubten Thorsten uns sein Vater Adi im Schweiße ihres Angesichts, während die sonntäglichen Spaziergänger endlich mal was zu erleben hatten, als sie beinahe über den ganzen Krimskrams stolperten, der auf der Kaimauer ausgebreitet war: Mast mit Wanten und Stagen, Kabel, Kleinteile und Werkzeug.

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vorher

vorher

Adi schraubt

Wenn einer der Flanierenden nicht so schnell kapierte, wie das Maststellen funktioniert, dann hatte er ausreichend Gelegenheit für Wiederholungen: Der Mast stand schon fast, da fehlten noch die Salinge, der nächste Versuch wurde vom Windgenerator vereitelt, dem dritten Versuch stand die Halterung der Rettungsinsel im Wege und musste abgebaut werden, und als der Mast endlich zum vierten Male im Mastfuß steckte, um gestellt zu werden, da riss das gerade mühselig ins Mastinnere eingezogene Kabel für die Dreifarbenlaterne ab. Nun ja, wer stellt schon jeden Tag einen Mast... Was sich hier jedoch so schnell in ein paar Sätzen liest, war in Wirklichkeit viel aufwändiger und viel aufregender, sprengt in aller Ausführlichkeit aber den Rahmen dieser Seite. Wer's schon mal gemacht hat, weiß wovon ich rede - aus einem Motorboot ein stolzes Segelschiff machen.

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Mast steht 2 280805.JPG

Kabel ab...

Jetzt geht's los

Er steht!

Entsprechend nervös waren wir beim ersten Segeltörn am nächsten Tag: Ist der Mast richtig getrimmt? Hoffentlich kommt er nicht von oben! Und so weiter. Aber alles lief glatt und wir genossen die Fahrt ohne Motorenlärm.

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Moritz im Badekostuem 2 280805.JPG

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Endlich Segeln

Moritz am Strand

Große Wäsche auf der Marie

Am Ende unseres Urlaubs gönnten wir uns im Hafen von Canet en Rousillon noch zwei Tage Urlaub, ganz ohne Meilen und ohne Bastelei. Nur Moritz, Bücher und Strand. Wunderbar! 

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Moritz und Thorsten

Sundowner im Cockpit

 

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