06/06

Mittelmeer - Italien

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Bella Italia - 28. Mai 2006
Während Ihr, liebe Leserinnen und Leser, Euch noch zuhause im warmen Bettchen rumdrückt und Euer wohlverdientes Wochenende genießt, müssen wir wieder mal: Segeln. Zwei volle Tage und Nächte. "Das habt Ihr schließlich so gewollt!" - hm, stimmt ja auch irgendwie... aber eigentlich hatten wir so gar keine Lust. Auf der Isla Clementina - unserer Anlegestelle in Mahón - gab es am Donnerstag noch ein nettes kleines Barbecue mit allen anwesenden Crews, vor allem aus Großbritannien, den USA, Deutschland und Neuseeland. Mit allerhand üblichem Seglergerede, Anekdoten, Geschichten und Tipps. Sehr schön, aber das Wetter war günstig und Sardinien lockte. Also los. Draußen gab es mehr Wind und Welle als erwartet - teilweise waren sie noch ca. 4 Meter hoch. Ganz schön wackelig und die Crew reagierte geschlossen mit leichter Übelkeit, Moritz trennte sich sogar von einem Schluck Orangensaft. Unser Ziel, die Fornelli-Passage im äußersten Nordwesten von Sardinien, konnten wir zunächst nicht anliegen (ja, das ist nautisch-grammatikalisch korrekt und heißt nicht "anlegen"). Aber im Laufe des Tages drehte der Wind, wie vom Wetterbericht versprochen, nach Nordwest und wurde schwächer - endlich passender Kurs! Das Geschaukel aber ging, wenn auch abgeschwächt, weiter. Trotz magerer dreieinhalb Knoten Geschwindigkeit straffte sich am späten Nachmittag die Angelleine und wir holten - ein wenig schockiert - einen 10-Kilo-Thunfisch aus dem Wasser - endlich mal ein richtiger Fisch. Aber: Wer sollte den bloß essen? Der war ja viel zu groß für uns! Gerade, als wir ihn an Deck hieven wollten, machte er sich los und suchte zu unserer Erleichterung das Weite. Vielleicht sollte man noch wissen: Unter uns ist ausgemacht, dass wir von einem gefangenen Fisch nichts wegschmeißen, sondern alles verwerten. Denn wenn er schon sterben musste, dann nicht für den Abfallsack. Nach dem missglückten Angelversuch hoffen wir nun, dass unser Flüchtling nicht allzu viel vom Schnaps abbekommen hat, der ihn betäuben sollte. Ansonsten hat er vielleicht morgen ein wenig Kopfweh...
Nach einem grandiosen Sonnenuntergang kam in der Nacht dann auch der Wind aus der richtigen Richtung zurück und es war wunderbar: Neumond und ein unglaubliches Gefunkel am klaren Sternenhimmel. In der Nacht auf Sonntag mussten wir dann sogar die Maschine (der Wind war wieder eingeschlafen) drosseln, um nicht zu früh in der Fornelli-Passage zu stehen. Die Durchfahrt erfordert nämlich gute Sicht, da viele Felsen die schmale Durchfahrt säumen. So aber konnten wir uns einen Umweg von etwa 20 sm um die Insel sparen. Und jetzt endlich Bella Italia - noch ein paar Meilen bis zum Maddalena-Archipel, Pizza, Pasta und Gelato... Hier werden wir jetzt erst einmal zwei Wochen Urlaub machen ;-)

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Frachter in Wellen 260506.JPG

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Party auf der Isla Clementina

Frachter in Wellen

Sonnenuntergang, verwackelt - ok - aber die Farben... (die kommen übrigens nach zwei Nächten Schlaf im 20-Minuten-Rhythmus
noch besser!)

Dolce vita - 29. Mai 2006
Der Start in den 'Urlaub' konnte besser nicht sein - Sardinien bereitete uns einen netten Empfang. In Stintino, einem kleinen verschlafenen Ort an der Nordwestküste, konnte Christiane ihre Italienischkenntnisse direkt zu unseren Gunsten einsetzen: Im sonntäglich ausgestorbenen Hafen traf sie zufällig den Chef des örtlichen Yachtclubs. Der ermöglichte uns kostenloses Liegen im Zentrum des Örtchens - ein echtes Privileg, denn der gemeine Fahrtensegler muss sonst mit der zugigen Außenmole Vorlieb nehmen. Und natürlich haben wir uns als Belohnung für unsere Punktlandung mit sardischer Wurst und Käse, vor allem aber mit Pizza, die Wänste gefüllt. Spanien ist ja kulinarisch auch nicht ohne, womit wir uns dort aber wirklich nicht anfreunden konnten, waren Pizza und Eis - insofern beginnen nun rosige Zeiten für die kleinen und großen Crewmitglieder der Marie Brizard!
Da die Versorgung in Stintino aber nur eingeschränkt möglich ist, entschlossen wir uns für die Weiterfahrt in das 20 sm entfernte Castelsardo. Vier Windstärken Wind von achtern (also hinten), kleine glitzernde Wellen, strahlend blauer Himmel, in der Ferne sind die schneebedeckten korsischen Berge zu sehen - Traumsegeln... Unterwegs überholt uns die Hullabaloo - die Neuseeländer Tony und Leanne mit den zwei Mädchen Olivia und Sophie an Bord, die auch gestern aus Mahón nach Stintino gekommen waren. In Castelsardo sind wir Nachbarn und verquatschen den Rest des Nachmittags bei einem und noch einem Fläschchen Rosé. Das Hafenhandbuch übertreibt nicht, wenn es Castelsardo als "wunderschönen alten Fischerort" anpreist. Zu unserer Erleichterung wirkt sich die nahgelegene Costa Smeralda mit Ihren Luxushäfen noch nicht auf die Preise hier aus: Für sensationelle 11.- Euro dürfen wir Marie hier parken - da gehen wir doch glatt in die Verlängerung - zumal für die nächsten Tage für die Straße von Bonifacio (die Meerenge zwischen Sardinien und Korsika) und den Norden Korsikas westliche Winde mit acht bis neun Windstärken vorhergesagt sind...

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Hullabaloo

Castelsardo

Tony is happy... - 31. Mai 2006
Gestern pfiff der Wind mit sechs bis sieben Windstärken über uns hinweg und wir hatten eine zweite Mooringleine aus dem Hafenbecken gefischt, mit der wir unser Schiff zusätzlich sicherten. Draußen an der Hafeneinfahrt von Castelsardo stand der Schwell so hoch, dass kaum ein Schiff noch unbeschadet hätte einlaufen können, und die Brecher krachten weißschäumend über die Felsen am Strand.
Aber Tony hatte Grund zu lachen: Er freute sich, endlich wieder ein gute Story zu haben, um sie in einer fröhlichen Runde zum Besten zu geben. Er bereitete sich schon mal vor: "Once I knew this German guy who got bored and took off his windpilot in the middle of a storm, put it in the dinghi and rowed to the pontoon. When he attempted to lift it out of the dinghi, he dropped it and fell into the water. But he wouldn't let go of the heavy thing, so it pulled him underwater and almost drowned him! Well, if you ever need an anchor and you have none, just ask this guy for his windpilot!"
Nun, ein Sturm war es nicht gerade, eher Starkwind, aber was Tony da so wunderbar amüsiert, ist eine weitere wenig ruhmreiche Episode von Thorstens Bastelarbeiten an der Marie. Nachdem wir unsere tolle Windsteueranlage so gut wie nie einsetzten, nun auch noch ihr Ruder verloren hatten und sie sowieso beim Klettern auf die Badeleiter gefährlich im Weg war, fiel uns die Entscheidung nicht schwer: Ab damit in die Tiefen der Backskiste. An die freigewordene Stelle wollen wir eine kleine Badeplattform installieren. "Der frühe Vogel fängt den Wurm" - trotz des starken Windes machte sich Thorsten ans Werk, befestigte eine Sicherungsleine, um das schwere Gerät vor dem Abtauchen zu bewahren, löste die Schrauben und verfrachtete alles ins Dinghi. Bis dahin verlief alles nach Plan. Auch der Weg zurück an den Kai war völlig problemlos. Und wenn beim Hochheben der etwa 30 kg schweren Edelstahl-Anlage nicht eine Leine im Weg gewesen wäre, würde hier eine andere Geschichte stehen. So aber war sie im Weg. Das wohlkalkulierte Manöver misslang, das Dinghi schwamm unter Thorstens Füßen weg und die Anlage landete im trüben und 4 Meter tiefen Hafenwasser. An der Anlage dran hing allerdings noch Thorsten, wild entschlossen, den Gegenwert von 600.- Euro nicht im Schlick von Castelsardo versinken zu lassen. 30 kg ziehen ganz schön nach unten - erst nach dem zweiten gemeinsamen Rettungsversuch von Tony und Christiane und einem guten Liter geschlürften Salzwassers landete der Windpilot endlich da, wo er hin sollte... Zum Glück hatte das sonst niemand im Hafen bermerkt.
Zu Thorstens Ehrenrettung sei aber noch gesagt: Es sieht ja so aus, als häuften sich seine Bastel-Missgeschicke. Aber selbstverständlich veröffentlichen wir nur diejenigen Kleinstkatastrophen, die dazu geeignet sind, unsere geneigten Leser zu erheitern. Was für langweilige Geschichten wären es, wenn wir über den letzten erfolgreichen Ölwechsel, den täglichen Motorcheck, die abgedichteten Relingsstützen, die zusammengeflickte Scheuerleiste oder die gesäuberte Bilge schreiben würden...

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Hat zwar nix mit der Story zu tun - aber hier nun endlich mal Fotos von Marie in Fahrt

Übrigens - wir wissen ja, dass der Herbst gerade wieder in Deutschland Einkehr hält. Damit der Neidfaktor bei unseren Lesern nicht ganz so groß wird, hier noch der aktuelle Wetterbericht: Seit 4 Tagen kalter Starkwind mit heftigen Böen aus Nordwest, neuerdings mit Regen und Gewittern. In den 1. Juni starten wir mit Heizlüfter im Salon! Aussichten für die nächsten zwei Tage: Keine Änderung...

Jörg und Ralf - 7. Juni 2006
Am 1. Juni kamen Petra, Johanna und Valentin aus dem kalten Deutschland in das kalte Castelsardo. Nach wie vor waren die Temperaturen frostig, das Wetter regnerisch-durchwachsen und der Wind zu stark. An Auslaufen war nicht zu denken, also verbrachten wir unsere Tage auf dem Boot, in der Stadt und am Strand. Valentin und Johanna wagten sich trotz der hohen Wellen und der niedrigen Temperaturen sogar ins Wasser - und hatten richtig Spaß dabei. Zuerst sah es so aus, als könnte es am Samstag losgehen, aber mit Rücksicht auf unsere Segel-Greenhorns wollten wir noch warten, bis das Meer sich wieder komplett beruhigt hatte. Sonntagmorgen war es dann endlich so weit: Sonnenschein, günstiger Wind und ruhiges Wasser, also los - wir wollten endlich ankern und planschen. Aber, als ob Marie mit sechs Leuten nicht schon voll genug gewesen wäre, gesellten sich noch zwei weitere Mitfahrer zu uns: Jörg und Ralf. Korrekt ausgesprochen: "Jööööööööörg, Raaaaaaaalf". Petra und Valentin wurden sehr schnell und sehr schwer seekrank. In regelmäßigen Abständen gaben sie solche Töne von sich und mussten richtig leiden. Johanna hielt sich wacker, fühlte sich aber auch nicht sonderlich wohl. Das ursprüngliche Ziel, der Ankerplatz Porto Liscia, wurde schnell aufgegeben und stattdessen Santa Teresa di Gallura angesteuert - das übrigens genau so hübsch wie sein Name ist. Wieder an Land, ging es den Dreien schnell wieder besser, aber es war uns allen klar, dass wir unter diesen Umständen die Reise nicht miteinander fortsetzen können. Das hätte einerseits niemandem wirklich Spaß gemacht und hätte vor allem auch ein Sicherheitsrisiko werden können. Stärkere See und mehr Wind mit drei schwer Seekranken wäre eine äußerst kritische Situation. Aus diesem Grund haben wir gemeinsam beschlossen, dass die drei ihren Urlaub an Land fortsetzen und wir wie geplant in den Maddalena-Archipel weiterfahren. Das fanden wir zwar alle schade, aber es war leider nicht zu ändern.
Die Marie mit ihrer Stammbesatzung machte sich dann mit einem Tag Verspätung auf den Weg in die Bucht Porto Liscia und - weil der Wind drehte - dann auch noch ins benachbarte Porto Pollo. Endlich steht Ankern und Baden auf dem Programm - obwohl das Wasser mit rund 19 Grad noch recht frisch ist, plantscht Moritz wie ein Wilder und endlos mit den zwei kleinen Ladys von der Hullabaloo im knietiefen Wasser. Bis zur Ankunft von Stephan (Christianes Bruder) und Jana (noch Freundin und bald Frau von Christianes Bruder Stephan) am Wochenende werden wir uns nun noch von Bucht zu Hafen zu Bucht hangeln und uns ausgiebig der Costa Smeralda widmen.

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Valentin, Petra und Johanna leiden
(auf dem Bild nicht zu sehen, weil im Eimer: Jörg und Ralf)

Endlich Sonnenuntergang vor Anker in einer 'richtigen' Bucht!

Wir haben nix... - 9. Juni 2006
...zu sagen. Hier ist gerade Alltag angesagt. Das heißt: Anker auf, 5 sm in die nächste Bucht oder den nächsten Hafen tuckern. Anker wieder runter. Einkaufen oder auch nicht. Basteln oder auch nicht. Siesta oder nicht. Ein wenig an den Strand. Was leckeres kochen. Buch lesen oder glotzen. Sterne gucken, Weinchen trinken. Alles nicht spektakulär - aber sehr schön. Und weil wir nix zu sagen haben, gibt es jetzt Fotos satt:

Moritz spielt mit 'Jimmy', dem Krokodil von der Hullabaloo

Moritz am Strand 060606.JPG

Sophie, Olivia, Moritz mit Krokodil 060606.JPG

Ausnahmsweise dürfen auch die Besitzerinnen Sophie und Olivia mal mit drauf

 

 

 

 

Maddalena 4 080606.JPG

Auf dem Weg zu unserem nächsten Ankerplatz machen wir noch...

...eine Fotosession mit der Hullabaloo

Hullabaloo 19 080606.JPG

 

 

 

 

Marie in Aktion

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Thorsten im Bugkorb 050606.JPG

Thorsten in Aktion

 

 

 

 

Krokodile auf dem Vorschiff 080606.JPG

Weil Moritz so begeistert von dem Gummitier ist, haben wir jetzt auch eins - es heißt 'Niknik' (ein Wort aus Sophies und seiner Geheimsprache)

Christiane muss Niknik natürlich gleich quälen, ihm quellen sogar die Augen raus!

Christiane und das Krokodil 080606.JPG

 

 

 

 

 Wir schonen Euch nicht:
Das ist unser Ankerplatz,

Marie vor Anker 080606.JPG

Moritz mit Niknik am Strand 2 080606.JPG

das der Strand dazu. Wer hier auch mal hin will: Die Inseln heißen Razzoli, Budelli und Santa Maria

 

 

 

 

Leider hat übrigens auch unser Ankerparadies seine Schattenseiten. Am zweiten Tag kam ein Schlauchboot des Naturschutzgebietes Maddalena längsseits. Ankern darf man hier nur gegen Cash, konkret 23 Euro pro Nacht. Zum Vergleich: Im Hafen zahlen wir im Moment etwa 11 bis 18 Euro. Da haben wir allerdings auch: mehr Sicherheit, Duschen, Strom, Wasser und Einkaufsmöglichkeiten. Hier haben wir klares Wasser und nichts weiter. Thorsten regte sich fürchterlich auf, weigerte sich zu zahlen und war bereit, den Platz sofort zu verlassen, die Ranger gaben uns dafür zehn Minuten Zeit. Da die Hullabaloo aber schon bezahlt hatte und wir gerne noch dableiben wollten, entschlossen wir uns mit knirschenden Zähnen, doch zu zahlen. Doch das Gezeter schien Eindruck hinterlassen zu haben - bei ihrem nächsten Besuch teilten uns die Ranger mit, dass wir heute nichts bezahlen müssen. Äh?? Geht doch! Wir haben kein Problem, einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Natur geschützt wird, aber nicht in diesen Größenordnungen. In ein paar Jahren wird man wahrscheinlich nirgendwo im Mittelmeer noch richtig 'frei' ankern können, sondern sich immer öfter dieser Form von Piraterie ausgesetzt finden...

Ein 5-Minuten-Bonito und eine Meuterei - 14. Juni 2006
In Palau nahmen wir am Samstag Stephan und Jana in Empfang. Rechtzeitig dazu hat sich das Wetter komplett stabilisiert - Sonnenschein ohne Ende, dazu schwache Winde aus der richtigen Richtung - das ham wer uns verdient! Endlich können wir uns bei wundervollen Bedingungen den herrlichen Buchten der Costa Smeralda widmen. Dachten wir zumindest. Nach den ersten zwei entspannten Tagen begann der dritte mit einem sensationellen 5-Minuten-Bonito: Wir hatten die Bucht gerade verlassen und die Leine ins Wasser gehängt, schon war unser Abendessen gesichert, der schöne Fisch hatte wohl auf uns gewartet. Am nächsten Tag jedoch fand das entspannte Buchtenbummeln ein jähes Ende. Jana und Stephan entschlossen sich zu einem der schlimmsten Verbrechen in der Schifffahrt: In einem unaufmerksamen Moment übernahmen sie das Steuer und die Führung der Marie. Es ist schrecklich, wie sie uns behandeln. Immerhin haben sie uns für Moritz das Schlauchboot mitgegeben, wir aber müssen von nun an hinterherschwimmen. Hoffentlich hat das bald ein Ende! Zum Glück konnten einige Beweisfotos geschossen werden - seht selbst:

Bonito 120606.JPG

Fische 140606.JPG

Stephan und Jana segeln 130606.JPG

Brauns schwimmen 1 140606.JPG

5-Minuten-Bonito

Glasklares Wasser
an der Costa Smeralda

Diese beiden haben jetzt die Führung der Marie

Wir müssen hinterherschwimmen

Jetzt sind sie weg... - 18. Juni 2006
...und wir sind wieder allein, allein. Stephan und Jana sitzen wieder im Flieger nachhause und die Marie ist wieder öd und leer. Passend dazu hat das Wetter wieder auf Ostsee-Modus geschaltet. Die vergangene Woche war auch für uns eine richtig tolle Urlaubswoche mit idealen Bedingungen in einem herrlichen Revier. Alle paar Meilen gibt es wunderbare Buchten, die zwar tagsüber mit Motorbooten voll sind, in denen wir aber am Abend dann fast alleine lagen. Jetzt sind wir gut erholt für die nächste große Etappe. Sobald das Wetter wieder besser ist und der Wind sich an die Statistik hält und nicht aus Südost sondern aus Nordwest weht, starten wir Richtung Sizilien. Bis dorthin sind es rund 250 Seemeilen. Vielleicht machen wir einen kurzen Zwischenstopp auf den Liparischen Inseln, ehe es weiter durch die Straße von Messina geht. Dann fahren wir noch ein Stückchen am italienischen Stiefel entlang bevor wieder ein großer Sprung nach Griechenland ansteht. Mitte Juli wollen wir im Ionischen Meer sein. Dann ist wieder richtig Urlaub angesagt bis zum Abwinken, denn die Etappe nach Griechenland ist die letzte große Strecke. Bis in die Türkei werden wir dann überwiegend day-sailing machen. Können wir eh' am besten ;-)

Reisewarnung - 21. Juni 2006
"La Caletta" sollte eigentlich besser "Kleines, trostloses, mieses Kaff" heißen. Eine Mischung aus Fischerhafen, Yachtclub und fast verfallenen Stegen, an denen man nicht anlegen kann. Die "Stadt" sieht auch nicht viel besser aus. Die Leute sind darüber hinaus noch reichlich unfreundlich und wenig hilfsbereit. Öffnungszeiten, zum Beispiel des Internetcafés, werden nicht ausgehängt, was wenig ausmacht, da sie eh' nur Vorschlagscharakter haben. Dafür ist eine Stunde surfen schon für schlappe fünf Euro zu haben. Um bei dem Yachtclub einen Liegeplatz zu bekommen, mussten wir Mitglied in selbigem werden. Trotz der eher dürftigen Anlagen kostete die Nacht dann immer noch 25.- Euro. Am zweiten Tag wurden wir vom Hafenmeister ebenso bestimmt wie freundlich rausgeschmissen: Eine Regatta hatte sich angekündigt, alle Plätze würden für diese Schiffe benötigt - was sich im Nachhinein als falsch erwies - es sind noch einige Plätze frei... An Auslaufen war und ist wegen der südöstlichen Winde nicht zu denken. Irgendwo am Rande einer pittoresken, vier Meter hohen und 300 Meter langen Betonmauer, konnten wir uns noch längsseits dazwischen mogeln. Kein Wasser, kein Strom, aber auch keine Liegegebühren. Unsere Mitgliedschaft im Club scheint uns jedoch nicht zu ermächtigen, dort die Toiletten und Duschen zu benutzen - selbst auf freundliche Nachfrage und unser Angebot, dafür zu bezahlen. Wahrscheinlich hat sie eher einen ideellen Wert. Dafür mussten wir uns hier beschimpfen lassen, weil wir einen von vielen möglichen Plätzen zum Abladen von kleinen Motorbooten belegten. Zu guter Letzt hat man uns unser geliebtes Bordfahrrad, das wir an Land, direkt neben dem Schiff angekettet hatten, geklaut. Wenigstens haben wir die Hullabaloo und ihre Crew als Mitleidende immer in der Nähe...

 

Marie in La Caletta 210606.JPG

 

 

Marie und Hullabaloo in La Caletta

 

Chronik einer Überfahrt - 25. Juni 2006
22.6. 1000: Nochmal Wasser tanken und duschen, dann geht es los. Wegepunkte und Route sind eingetragen - noch 307 sm bis zur NE-Spitze Siziliens. Christiane macht an Deck Ordnung, Moritz spielt ganz brav mit seinen Autos im Salon.
22.6. 1400: Der Wind spielt mit uns: Genua rein, Genua raus, Kurs ein wenig hier hin, ein wenig da hin. Vor uns auf der Hullabaloo das gleiche Spiel. Christiane und Moritz pennen, Thorsten liest im Cockpit. Maschine brummelt vor sich hin. Noch 290 sm.
22.6. 1800: Als es gerade richtig langweilig wird, kommen Delfine zu Besuch und machen tolle Sprünge. Wir bemühen uns wirklich, zu segeln, aber viel holen wir nicht raus, also weiter unter Maschine. In Sichtweite vor uns noch immer die Kiwis - irgendwie ein gutes Gefühl, nicht ganz alleine hier draussen zu sein. Wetter bleibt günstig, wahrscheinlich können wir morgen den ganzen Tag segeln. Die Vorbereitungen für das gutbürgerliche Abendessen laufen - es gibt Bratwurst mit Kartoffelpüree und Erbsen.
22.6. 2200: Nach dem Essen tanken wir nochmal Diesel aus dem Kanister - immer ein unangenehmer Job auf dem wackeligen Vordeck. Aber besser jetzt als mitten in der Nacht. Dann noch Geschirr spülen und Schiff für die Nacht vorbereiten. Hinter uns und der Hullabaoo geht wunderschön die Sonne unter. Noch 255 Seemeilen.

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Hullabaloo im Abendrot

23.6. 0000: Kein Lüftchen regt sich - es ist wie auf einem Dorfteich - Himmel und Wasser funkeln, sogar die Milchstraße spiegelt sich im Wasser. Alle 20 Minuten piepst der Wecker für eine kurze Rundumsicht. Christiane und Moritz pennen in der Kabine, Thorsten döst im Schlafsack im Cockpit.
23.6. 0400: Neue Position in der Seekarte. Es geht voran, aber das Gebrummel nervt. Draußen hat der Tau den Schlafsack durchweicht - Thorsten zieht in den Salon um.
23.6. 0800: Endlich ist die Nacht vorbei. Segeln geht immer noch nicht. Boring boring boring. Kaffee in der Sonne.
23.6. 1000: Die kleinen Wellen reichen aus, um die Segel permanent und nervtötend hin- und herschlagen zu lassen. Die Großschot rummst, das Großsegel knallt, die Genua schubbert an den Wanten. Es ist zum rechtsranfahren und aussteigen. Geht aber nicht, weshalb Thorsten eine seiner berühmten Schimpfattacken startet. Danach geht es ihm besser - und dem Wind anscheinend auch: Er legt zu und wir laufen unter ausgebaumter Genua zwischen drei und vier Knoten. Maschine nach 24 Stunden aus. Segeln ist schön! Etmal 105 sm.
23.6. 1200: So könnten wir es eine Weile aushalten. Moritz und Christiane singen oder lesen. Thorsten verzichtet auf's Singen und liest im Cocpkit. Aktivitäten: Ölcheck, Schlafsack trocknen. Das war's.
23.6. 1600: Hullabaloo meldet via Funk eine Dorade an der Angel. Unser Jagdfieber erwacht, raus mit der Angel. Eine Stunde später zappelt ein großer Thun dran. Wieder zu groß. Wieder gelingt im letzten Moment die Flucht. Diesmal sind wir nicht ganz so erleichtert, wir hätten es schon mit ihm aufgenommen. Wir setzen die unterbrochene Siesta fort, während Marie durch die Wellen wackelt.

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Siesta im Cockpit

23.6. 2000: Wir amüsieren uns über die Italiener, die fast ununterbrochen den ganzen Tag auf der Funke quatschen - wie im richtigen Leben ;-) Zum Glück machen sie jetzt endlich Feierabend. Wir gönnen uns Rosé zur Pasta während uns Marie nach Südosten fährt.
24.6. 0000: Schluss mit lustig: Segel rein, Brummel an. Wir wechseln uns mit den Wachen ab - Christiane liest dann am Navi, Thorsten macht kurze Nickerchen im Salon.
24.6. 0800: Ruhige Nacht. Nach dem Frühstück tanken wir wieder 20 Liter Diesel - die Maschine braucht knapp 1,5 Liter pro Stunde. Wir setzen das Groß, mehr aus kosmetischen Gründen und als Schattenspender denn als Antrieb. Dann beginnt wieder das dolce far niente.
24.6. 1000: Zahlen: Etmal 105 sm. Noch etwa 65 sm bis Lipari und etwa 120 sm bis Messina. 33° C im Salon. 4,9 kn Speed. Weiche-Birne-Faktor 9,5 (von 10). Flätzen uns alle drei nackig im Cockpit rum, lesen, glotzen. Moritz spielt in einer Wanne mit seinen Böötchen. Nach vielen Misserfolgen gelingt es mal wieder "Pieps"-Wetter via Kurzwelle auf den Rechner zu laden.
24.6. 1200: Wir haben Hunger und träumen von einem frischen, panierten Filet von der Dorade an einfachen Salzkartoffeln. (Gibt es im Mittelmeer Doraden?) Die Angelleine hängt aber schlapp im Wasser und wir müssen mit den Pastaresten des gestrigen Abendessens vorlieb nehmen.
24.6. 1600: Diesmal klappt es: An der Angel hängt ein etwa 70 cm langer und acht Kilo schwerer Thun. Kurz darauf liegt er im Cockpit - in indianischer Tradition danken wir ihm und erklären ihm, warum wir ihn getötet haben. Für's Töten ist Thorsten, für das Auseinandernehmen Christiane zuständig. Sie schneidet Unmengen an Filets aus dem Fleisch - der Speiseplan in den nächsten Tagen wird einseitig ;-)

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Christiane mit Thun (von rechts nach links)

24.6. 1800: Sooo viel Fisch. Heute gebraten in einer frischen Tomatensoße, morgen als Curry. Hoffentlich treffen wir andere Segler, damit wir etwas verschenken können! Kühlung ist kein Problem, weil permanent die Maschine läuft. Es ist unter Deck kaum auszuhalten vor Hitze. Und dann spielt bei der WM auch noch Deutschland und wir können nur die Deutsche Welle empfangen. Da wird zwar berichtet, aber nicht live - das ist wie Bonbons mit Papier lutschen...
25.6. 0000: Noch 4 sm bis Saline - einer der äolischen Inseln. Die Kiwis wollten bei unserem letzten Funkkontakt ebenfalls da hin. Die leichte Brise ist wieder weg, die Milchstraße wieder da. Vor uns steigen Berggipfel mit einem Wolkenschal aus dem Meer.
25.6. 0130: Hafen voll, Ankerplatz auch und vor allem tief, keine Kiwis. Da wir bei den derzeitigen Windverhältnissen eh' nach Sizilien motoren müssten, entscheiden wir uns, das gleich zu machen. Schade, wir hätten die Inseln, vor allem Stromboli, gerne gesehen. Aber bei Tag. Also noch 'ne Nacht draussen. Juhu
uu
uuu...
25.6. 0800: Sizilien ist schon zu sehen. Die Maschine läuft ununterbrochen und ohne zu mucken. Wir werden ihr beim nächsten Wechsel ein extraschickes Öl spendieren. Fisch zum Frühstück? Nee, laß' mal!
25.6. 1200: Maschine stopp. Messina Yachthafen. 74 Stunden. 320 sm. 52 Stunden motort. Eine echte Erfolgsbilanz ;-). Noch eine Zahl: 60. In Euro ist das hier der Preis für eine Nacht. Nein, nicht im Grandhotel, sondern mit unserer kleinen Marie im Hafen. Eigentlich viel zu teuer, aber mangels Alternativen und weil wir langsam auf dem Zahnfleisch gehen, akzeptieren wir. Fine! Morgen Taormina - wurde da nicht The big blue / Le grand bleu / Im Rausch der Tiefe gedreht?

Seenotfall - 25. Juni 2006
Schon seit der Antike ist das Durchfahren der Straße von Messina ein gefährliches Unterfangen. Die Gezeiten können in der Meerenge zwischen Italien und Sizilien zu starken Strömungen führen. Zusätzlich sorgt der unterschiedliche Salzgehalt des Thyrrenischen und Ionischen Meeres für einen ständigen Wasseraustausch. Dieser macht sich durch starke Wirbel und Strudel bemerkbar. Das ansonsten ruhige Meer scheint dann an einigen Stellen zu kochen und zu brodeln. Auch Odysseus hatte vor längerer Zeit mit diesen Erscheinungen zu kämpfen und hat sie, poetisch wie er war, zu Skylla und Charybdis verarbeitet. Skylla war ein Ungeheuer mit zwölf unförmigen Füßen und sechs Schlangenhälsen. Diese wiederum waren mit scheußlichen Köpfen bestückt, jeder mit drei dichten Zahnreihen zum Zermalmen der geangelten Seeleute. Charybdis war ein gewaltiger Strudel, der alles verschlang, was ihm zu nahe kam. Ganz schön abenteuerlich, aber schon Odysseus musste seine Storys an den Mann bringen. Wegen Geschichten von unterschiedlichem Salzgehalt kroch damals wie heute keiner hinterm Ofen vor...
Wir indes sind furchtlos einfach durchgefahren, waren aber nicht sehr erstaunt, als wir Zeugen eines spektakulären Seenotfalls wurden, den wir mit der Kamera einfangen konnten:

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Diese arme Möwe konnte sich im letzten Moment auf ein Floß retten, wahrscheinlich wurden alle ihre Kollegen von Skylla gefressen.

Doch die örtlichen Behörden sind auf alles vorbereitet und eilen mit dem modernsten Equipment zur Hilfe.

Hothothot - 30. Juni 2006
Taormina war ganz hübsch. Ohne die vielen übergewichtigen, an eine Videokamera montierten Leute wäre es sogar außerordentlich hübsch. Der Ankerplatz war auch ganz nett. Würde das Abwasser aus Taormina nicht durch ein Rohr genau dorthin geleitet werden, wäre es sogar sehr nett gewesen. So oder so - wir wollen nach Griechenland in den Urlaub. Also weiter. Zwei Tage und eine Nacht später landeten wir in Crotone an der italienischen Fußsohle. Hierher fährt man nur, um die Distanz nach Korfu zu verkürzen. Einen anderen Grund können wir uns jedenfalls nicht vorstellen. Dennoch bleiben wir zwei Tage hier, denn sonst könnten wir das Viertelfinale nur durch die mitreißenden Berichte der Deutschen Welle verfolgen... wird bestimmt heiß! Womit wir beim Thema wären: Es ist seeeeeeeeeehr warm hier. Morgens um fünf - wie jetzt - so etwa 35° in der Kabine und gefühlte 34,5° draußen. Die Luft steht. Wenn sie das nicht tut und Wind aufkommt, fühlt sich das an wie ein heißer Fön. Und das ist erst der Anfang des Sommers... Akute und dauerhafte Hirnerweichung ist die Folge, deshalb hier jetzt basta!

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